Samstag, 3. August 2013

Batrachomyomachia

Machwerk R.W. Aristoquakes
Teil 20-11
 Achter Kriegstag

- Froschmuseum Estavayer -

Als der pensionierte Offizier
Vers eins / elf aus dem Brevier
Der Weisheit grad entschlüsseln wollte
Er ins Grübeln kommen sollte:

"Auch Frösche haben eine Seele;
So wie des Manntiers die!
Und keine Lüge tötet sie;"

War dabei das Resultat!


"Die sitzt im Bauch unter der Kehle!"
Er gleich daraus gefolgert hat.

Er wollte wissen ob auch wahr
Was er entschlüsselt hatte war.

Und deshalb fing Perrier spontan
Sogleich danach zu suchen an.

Mit einem Eimer, ach Herrjemine
Ging hinunter er zum See
Um zu stillen seine Verlangen
Und sich einen Frosch zu fangen
Den er dann zu Haus sezierte.

Als er die Innerei studierte
Fand sieben Fliegen er und eine Made;
Auch Niere, Galle, Milz und Eierschnur;
Herz, Leber, Magen, Darm; jedoch wie schade,
Von der Seele keine Spur.

Am nächsten Tag, 'nem andern Frosch
Zog durch die breite grüne Gosch,
Geschickt, ruck zuck und ohne Graus
Er dessen Innerei heraus.
Einmal hat es kurz gezischt;
Da ward die Seele ihm entwischt.

Den Leichnam legte er auf Eis!
Tags darauf, erneut mit Fleiß
Hat er sich einen Frosch gefangen.
Doch auf was zu finden er war erpicht,
Entdeckte im Frosch er wieder nicht.

So hat das damals angefangen
In Stäffis am See im Schweizerland.

Am nächsten Tage kurzerhand,
Sogleich am frühen Morgen,
Ging neue Frösche er besorgen.
Drei Stück fing er, welche zu Haus
Nacheinander er nahm aus.

Einundzwanzig Fliegen und drei Maden
War das ganze Resultat.
Die Frösche hatten draus den Schaden;
Doch der verkappte Theokrat
Hat dem Bibelwort vertraut
Und jeden Tag erneut geschaut
Wo des Frosches Seele er
Finden würd' in dessen Schmer.

Als er den siebten Frosch sezierte
Was Sonderbares ihm passierte.
Obgleich der Frosch, was völlig klar,
Von ihm zuvor getötet war,
Schlug, was merkwürdig er fand,
Des Froschs Herz in seiner Hand.
Im Siebener-Rhythmus, poch, poch, poch,
Schlug es 'ne gute Stunde noch
Obwohl des Frosches Hülle
Lag bereits im Mülle.

"Hurra, ich habe sie gefunden"
Hat Francoise Perrier gedacht
Und sich in den Abendstunden
Erneut zum Froschfang aufgemacht.

Sieben Frösche bracht er Heim.
Als sechs er hatte ausgenommen,
Ist beim siebten aus Gedärm und Schleim
Plötzlich was herausgekommen
Das wie ein Schmetterling aussah.
"Aha" dacht Perrier, "da ist sie ja!"

Da fing das Ding zu flattern an
Und flog davon wie ein Milan
Der von einem Fuchs entdeckt
Sich flugs im Baumwipfel versteckt
Und ward nicht mehr geseh'n.

Fortan vierzehn Tage lang,
Sah man Perrier auf Fröschefang
Morgens zum Teich hinunter geh'n.

Ein jedes Mal fing er durchtrieben,
Sich aus dem Wasser Stücker sieben,
Das war ihm die Mühe wert.
Auf der Suche nach ihrer Seele,
Und hat mittels Schlinge via Kehle
Das Innere nach außen ihnen all gekehrt.


Täglich fand im letzten Frosche,
Dem mit Geschick die Eingeweide
Er zog aus seinem grünen Kleide
Durch die breite grüne Gosche
Etwas was der Siebenzahl
Im Weisheitsbuch entsprach kausal.

Sieben Bienen, sieben Zecken,
Sieben Wespen, sieben Schnecken,
Sieben Mücken, sieben Läuse,
Sieben Krebse samt Gehäuse,
Sieben Käfer, sieben Wanzen,
Fanden sich im grünen Ranzen.

Sieben Würmer, sieben Falter,
Allesamt im besten Alter;
Sieben Fliegen, sieben Spinnen,
Fand er tief im Frosche drinnen.
Sieben Hornissen, sieben Hummeln
Konnte er aus dem Innern fummeln;
Sieben Engerlinge gar
Wurde der Hauptmann dort gewahr
Wo die Seele sitzen sollte,
Welche er erforschen wollte.

"Die Sieben verfolgt mich irgendwie"
Dachte da der Froschgenie
Und zog erneut zum See hinaus.
Fünf Frösche bracht er mit nach Haus,
Die er gleich, solang noch frisch,
Sezierte auf dem Küchentisch.

Dem ersten, ohn' mit ihm zu quasseln,
Entnahm er sieben Kellerasseln.
Im zweiten, Scheinwerfer beschienen,
Fand er sieben Honigbienen;
Dem dritten, nicht zu deren Schaden,
Sieben fette Aasfleischmaden.
Im vierten, und zwar ungesotten,
Sieben tote Kleidermotten.
Im letzten, als besondre Gaben
Fand er sieben Küchenschaben;
Doch die Seele zum Erkunden
Hat der Hauptmann nicht gefunden!"

"Den Hinweis auf die Siebenzahl"
So sprach im Feld der Kardinal

Zum Prälat von Mausenich,
"Nahm der Gardist zu Herzen sich.

Fortan stetig und hellwach,
Eiferte er Luther nach,
Hat mit dem Siebenkode jetzt,
Erneut die Bibel übersetzt.
Doch bevor er das begann,
Fing er noch was andres an!

Einhundertsiebzehn Leichen lagen
Zu Haus bei ihm bereits seit Tagen.

Weil die Frösche, all verblichen,
Toten Menschen ziemlich glichen
Und weil sie ihm als heilig galten,
Wollte er sie so erhalten
Wie sie vor dem  Seziergeschehen
Noch lebend hatten ausgesehen.

Er begann damit die grünen Hüllen,
Mit feinem Flusssand aufzufüllen,
Und sie so zu konservieren.
Mit Glasaugen dann ausstaffiert
Hat er die Toten all versiert,
Zurechtgebogen und lackiert
Und kreativ die grünen Puppen,
Mit viel Humor und einfallsreich,
So arrangiert in kleinen Gruppen,
Dass sie Menschen sahen gleich.
 








Wie brave Bürger aus der Schweiz
So hat Perrier sie dargestellt.
Beim Unterricht ganz lebensnah,




So wie er sich als Kind einst sah,
Auf der Schulbank oder gar
In der Kneipe wo er war.



Oder, so wie hier,
Bei Franz Zenger dem Barbier.



Sein Werk hat heut noch großen Reiz.
Besucher aus der ganzen Welt
Kommen nach Stäffis an den See
Allsamt den Fröschen wohl gewogen,
Zum Wallfahrtsort der Froschologen.
(Walter Hirschberg, Frosch und Kröte
in Mythos und Brauch, Wien 1988, S. 321)
Sie reisen an mit Sack und Pack;
Für manchen ist's 'ne Odyssee,
Ins Museè d' Estavayer-le-lac.

Frösche in vielen Varianten,
Als Sänger, Priester, Musikanten.


Grad wie es Perrier dereinst gefiel.
Man sieht sie dort beim Billardspiel,



Als Schreiber, Turner, beim Barbier,
Sogar als Torero und als Stier.
Bei feuchtfröhlichen Gelagen,
Oder auch beim Kartenspiel




Mit der Schummelei als Ziel.

Mancher gar mit Schlips und Kragen.

Frösche beim Spaghetti essen
Sollte man hier nicht vergessen.







Auch ein paar Soldaten,
Wunderschön geraten
Mit geschulterten Gewehren
Und aufgepflanztes Bajonetten
Um im Kampf in allen Ehren
Sich vor dem Feinde zu erretten.



Auch ein paar mit Degen
Beim Zweikampfe verwegen.


Den eignen Bruder, einen Notar,
Stellte auch als Frosch er dar.



Als Pfarrer, Doktor, Pfeifenraucher,
Bäcker, Lehrer, Schmied und Taucher.

Der Friedensrichter "Bullet" gar,
Spricht Recht als Frosch dort im Talar.

Besonders lehrreich, lustig, nett
Wirkt das Froschmänner-Wahlbankett.





Einundzwanzig Stück an einer Tafel
Bei Käse, Brot, Wein und Geschwafel,
Ironisch, subtil dargestellt
Verbessern zechend sie die Welt.

Seit über hundertsiebzig Jahren,
So hab von Hirschberg ich erfahren,
Gibt es das Museum schon.
Es gilt weltweit heute, ungelogen
Als Pilgerstätte froschbezogen.
Zigtausend Besucher jedes Jahr
Ziehen die Frösche heut noch an.
Wie es früher einmal war
Man leicht daran ermessen kann.

Francois Perrier, der große Sohn
Von Estavayer-le-lac,
Des Papstes größter Schubiak,
Wurd siebenundvierzig Jahre alt.
Er wurde verklärt zur Lichtgestalt.
Obwohl in seien Lebensstunden
Die Seele er hat nicht gefunden,
Nach welcher der Verruchte
Am See zu Stäffis suchte
 Gilt er dort seit seinem Tod,
-Man sagt, er wär vom Orden
Eines Nachte ermordet worden,-
Als jener, der den Bibelcode
Entschlüsselt und damit zuletzt,
Hat die Bibel übersetzt!"

"An der Sach' verwunderlich"
Sprach der Prälat von Mausenich
Zum Kardinal von Hoppefroh,
"Ist, dass das Werk ich nirgendwo
Jemals zu Gesicht bekam."

"Man sagt, dass er's ins Grab mitnahm"
Erwiderte der Kardinal.
"Andre Stimmen, mehr real,
Behaupten, dass sie's besser wüssten.
In Estavayer wir suchen müssten.
Nicht auf dem Gottesacker, nein,
Fallt auf so was nicht herein.
Sucht besser im Museum dort.
Das ist genau der rechte Ort
Um was zu verstecken!
Nehmt euch den Friedensrichter vor.
Schlitzt ihm seinen Schmerbauch auf.
Ich wette tausend Euro drauf,
Dort werdet ihr, was ihr sucht entdecken.

Francois Perrier, mir viel Humor,
Hat den Text ganz ungeniert
In seinen Fröschen deponiert.
Im Friedensrichter findet ihr,
Wenn ihr ganz genau hinschaut,
Die Schablone, glaubt es mir,
Von ihm kopiert und nachgebaut."

"Eines noch," sprach Hoppefroh,
"Ist unklar: Keiner weiß wieso
Von den hundertsiebzehn Exemplaren,
Die dereinst im Bestande waren,
Ich will dir dieses nicht verhehlen,
Stücker neun seit Jahren fehlen.

Die Sache gilt als ungeklärt.
Damit die Welt es nicht erfährt
Wo diese sind verblieben,
Erzähl ich's nur dir, ganz im Vertrau'n
Was keinem ich gesagt noch hab.
Ich weiß, ich kann bei dir drauf bau'n,
Dass du schweigst so wie ein Grab."

Und dann fügte er spontan
Was er darüber wusste an:

"Ein Dichter, den ich sehr verehrte,
Und mit dem ich einst verkehrte,
Hat es mir geschrieben.

"Acht Stück ließ der Papst stibitzen.
Der Vatikan soll sie besitzen.
Um einen Namen nur zu nennen,
Benedetto soll den Inhalt kennen.

( Heut wissen wir wie's ist gekommen.
Der hat seinen Hut genommen
Bevor Aristoquakes publizierte
Was in Rom er recherchierte )

***

Einen hat der selbst geklaut.
Das hat er mir einst anvertraut
Und überdies verriet er mir,
Was ich vertraulich sag nur dir;
Er hat den Frosch dann in der Mitten
Mit einem Messer aufgeschnitten.

Nun rate mal, was er da fand!?

Ein Stück Metall, stark angerostet.
Es hat viel Mühe ihn gekostet
Zu entziffern, was dort stand.
-Matthäus sechs- konnte er lesen.
Da nahm er schnell den Drahtentroster
Und einen weichen Pinselbesen.
Das nächste Wort hieß -Rananoster-.
Und dann folgte ungelogen
Das -Vater unser- froschbezogen
Geschrieben, alles in Latein.

Das könnte ein Hinweis darauf sein,
Dass die acht Mumien im Vatikan,
Geklaut von einem Sakristan,
Im Auftrag des Klerus der Katholen
Um sie für den Papst zu holen,
Heimlich einst bei dunkler Nacht
Ins Kongregationsarchiv  gebracht,
Das Geheimnis in sich bergen.

Der Heilige Vater ohn' seine Schergen,
Auch dieses habe ich vor Jahren,
Von meinem treuen Freund erfahren,
Hat die Frösche alle acht,
Als er allein war, aufgemacht.

"Aha, aha, hoho, hoho"
Hat der Brave hoch betagt
Dabei grinsend nur gesagt.
Streicht man das "h" bleibt "A" und"O"
Nach Johannes eins Strich acht."

"Und das gilt heute noch in Rom
Als des Glaubens Idiom!"

***

"Das ist ja wirklich interessant"
Staunte da Maus Mausenich.
Worauf der andre konziliant
Erwiderte geflissentlich:

"Wenn der Krieg ist demnächst aus
Besuche ich dich mal zu Haus.
Dann erzähl ich dir noch mehr
Und berichte dir auch wer
Mir das alles einst zum Besten gab.
Doch eines jetzt schon, hier vorab:"
So fügte der Kardinal noch an,
"Was uns Perriers hat angetan,
Hat unser Volk nicht umgebracht.
Es kämpft entschlossen in der Schlacht;
Man hört den Kampflärm bis hier her!"

"Doch bald gibt's keine Krieger mehr!"
Wandte der der Mausprälat da ein,
"Wenn weiter sie so wild sich streiten.
Ich denk, das gilt für beide Seiten,
Könnt das auch unser Ende sein!"

Hopsefroh der Kardinal
Erwiderte darauf loyal:
"Wir sollten unser Blut auffrischen
Indem wir unsre Rassen mischen,
So wie es einst auf Amuns Rat,
Der Große Alexander tat.
Zu einem großen Volk vereint
Durch Verschmelzungspolitik.
Auch wenn ihr diese noch verneint,
In einer Frosch-Mäuse-Republik,"
So sprach er weiter stolzgeschwellt,
"Beherrschen wir die ganze Welt.
Stell dir vor, wie wir zusammen,
Die wir all von Ihm abstammen,
Er wies, den Daumen rechts erhoben,
Während er sprach, ganz steil nach oben;
Wir könnten jeden Gegner schlagen.
Die Menschen würden es nicht wagen
Uns noch mal so was anzutun,
Wie es Perriers der Wachsoldat
Des Klerus in der Schweiz einst tat."

"Gepriesen sei dein Gott Amun,
Der dir diesen Ratschlag gab!"
Erwiderte Maus Mausenich.
"Doch nun muss ich zurück zum Stab,
Denn sicherlich vermisst man mich.
Und ich denk, mein Freund auch du
Musst an die Front zurück im Nu.
Es war schön mir dir zu plaudern.
Doch nun lass uns nicht länger zaudern.
Ich bin sicher, es gibt nun
Für uns beide viel zu tun.
Die Toten all, der Seelen wagen
Brauchen dringend unsern Segen.
Nach dem Krieg gelegentlich
Werde ich besuchen dich
Um an friedlicheren Tagen
Als heut zu besprechen all die Fragen
Die in der Sach' noch offen sind.
Machs gut mein Freund, ich muss nun geh'n,
Ich muss zu meinem Volk geschwind.
Tschüß mein Freund, auf wiederseh'n.

***

wird fortgesetzt

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Zur Einstimmung

Bei dem hier unter dem Pseudonym R.W. Aristoquakes virtuell zur Veröffentlichung gebrachten, mehr als einhundertfünfzigtausend Doppelverszeilen umfassenden und mit über 15.000 Zeichnungen versehenen Epos handelt es sich um die umfangreichste Nacherzählung des Homer zugeschriebenen Kriegsberichtes, die jemals niedergeschrieben wurde und nach Auffassung des Autors, um das wichtigste literarische Werk der Neuzeit überhaupt.

Unter dem oben abgedruckten Titel veröffentlicht der noch unbekannte Schriftsteller an dieser Stelle in den nächsten fünf Jahren sein als Fortsetzungeerzählung entstandenes Mammutmachwerk über den antiken Tierkrieg und dessen Folgen für die Menschheit.

Das über zweitausend Jahre alte homerische Epillion, das im Original nur etwa 300 Verszeilen umfasst, wurde von R.W. A., der zehn Jahre lang daran gearbeitet hat, zu einem Mammutwerk aufgebläht, das die Batrachomyomachia mit der Ilias und der Bibel verbindet.

Diese Verknüpfung der drei wichtigsten Werke der abendländischen Literatur, die in etwa zur gleichen Zeit entstanden sind, dient dem Autor dazu, seine religionsgeschichtliche These zu untermauern, in der er den Frosch als Ursprungsgottheit darstellt und behauptet, dass die Götter der Neuzeit nichts anderes sind als die konsequente Weiterentwicklung der ägyptischen Froschgötter.